Ich wünsche Dir ein schönes Fest und ein gutes neues Jahr!

Du, der jetzt diese Zeilen liest, wie war dieses vergangene Jahr für Dich? Es war ein ganz besonderes, ein anderes und seltsames Jahr, nicht wahr?

Kinder wurden daheim unterrichtet, wir trugen (und tragen) Mundschutz bei unseren Einkäufen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln und immer, wenn wir andere Menschen treffen. Wir desinfizieren uns die Hände gefühlt häufiger, als es Chirurgen tun. Im Frühjahr hatten wir noch allen, die in Supermärkten, Apotheken, Bäckereien und Metzgereien oder anderen Geschäften arbeiteten, Post ausfuhren, Müll abholten, kranke und alte Menschen pflegten, auf Streife gingen oder ihren Job bei der Feuerwehr oder irgendwie sonst im Dienst der Gesellschaft – unserer Gesellschaft – verrichteten, alles Gute gewünscht und sie beklatscht. Heute klatschen wir nicht mehr. Warum eigentlich nicht?

Wir haben gelernt, uns wieder häufiger die Hände zu waschen. Wir halten Abstand – das fällt uns manchmal sehr schwer, wenn wir eine liebe Person in den Arm nehmen möchten, um ihr zu zeigen: ich mag dich! Wenn wir es trotzdem tun, dann haben wir – sind wir ehrlich – ein schlechtes Gewissen. Manchmal mehr, manchmal weniger. Manche mehr, manche weniger.

Wir haben so lange auf einen Impfstoff gehofft und dachten, wenn er erst mal verfügbar ist, dann wird alles besser, vielleicht wird sogar alles gut. Jetzt haben wir gleich mehrere Impfstoffe und wir fragen uns „ist das sicher, soll ich mich wirklich impfen lassen, welche Nebenwirkungen könnten auftreten“?

Manche, die „es“ hatten, spürten ja kaum etwas von ihrer Infektion, anderen erscheint es wie eine leichte Grippe. Ich freue mich für jeden, der diese Infektion ohne oder nur mit leichten Anzeichen der Krankheit übersteht. Ich habe selbst nur wenige Symptome gehabt, fühlte mich trotzdem schlapp und hätte 22 Stunden am Tag schlafen können. Dennoch war diese Zeit eine vor allem psychische Belastung. Kein Kontakt, möglichst noch nicht mal zur engsten Familie. Nicht aus dem Haus gehen zu dürfen, in einer Phase, in der ich es dringend wollte und eigentlich gemusst hätte – furchtbar. Viele Telefonate mit der Familie, Ämtern, dem Krankenhaus, aber trotzdem dieses hilflose Gefühl „nicht da sein zu können“ wo man mich gebraucht hätte und wo ich gerne gewesen wäre. Als ich am 24.11. aus der Quarantäne entlassen wurde, war es zu spät. Ich konnte keine Hand mehr halten, kein Gespräch führen, keine Nähe schenken. In Gedanken leiste ich Abbitte bei meinem Vater, aber ich weiß, er hätte es verstanden und für richtig und gut befunden. Er war ein durch und durch verständiger, rationaler und unaufgeregter, freundlicher Mensch. Ich habe ihm – ganz sanft und vorsichtig – eine Rose neben die Urne gesteckt. Wenigstens bei der Beerdigung konnte ich anwesend sein. Er ist an Corona verstorben.

Und nein, die Ansteckung erfolgte nicht durch mich. Er war vor mir positiv getestet worden – ich erwähne das nur, um vermeintlich „kritischen“ und „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Kommentaren Vorschub zu leisten.

So wie mir und meiner Familie geht es derzeit vielen Menschen im ganzen Land und natürlich auch hier in Selters. Quarantäne, Isolation, Ungewissheit. Ein – ich sage, wie es ist – scheiß Gefühl. Wer nicht davon betroffen ist, dem wünsche ich von ganzem Herzen, dass es so bleiben möge. Passt auf euch auf, bleibt gesund und nehmt die Sache vor allem nicht auf die leichte Schulter! Ja, mein Vater war alt, er hatte ein meist gutes und selbstbestimmtes Leben, ja, er wäre vermutlich nicht 105 geworden. Oder 111. Aber er hätte auch nicht unbedingt zweieinhalb Wochen mit immer höheren Sauerstoffgaben auf einer Intensivstation liegen müssen. Ich hätte ihm einen anderen Abschied von dieser Welt gewünscht.

Vielleicht lesen diese Weihnachtsansprache auch ein paar „querdenkende“ Menschen. Vielleicht schauen sie dann nochmal auf ihren moralischen Kompass und sehen, dass er in die falsche Richtung ausschlägt. Wenn nicht, dann kann ich es auch nicht ändern.

Dir, lieber Leser, der diesen Zeilen bis hier gefolgt ist, wünsche ich ein glückliches, frohes, unbeschwertes neues Jahr. Ich wünsche Dir und Deinen Lieben frohe Weihnachten und die Entdeckung der Kommunikation via Telefon, Brief, Karte, SMS, WhatsApp, Videotelefonie aller Arten und sonstiger Möglichkeiten, wenn ihr nicht zusammen feiern könnt. Seid kreativ, seid frohen Mutes, entdeckt die kontemplative Chance des Weihnachtsfestes 2020. Bleibt gesund, passt gegenseitig auf euch auf, genießt das Leben, seht alles auch mal von der positiven Seite, selbst, wenn gerade alles ganz negativ zu sein scheint. Irgendwo flimmert ein kleines Licht, es liegt an Dir, lieber Leser, es nicht auszupusten sondern anzuschüren, damit eine wärmende, helle Flamme daraus wird.

Hui, jetzt bin doch etwas pathetisch geworden. Liegt vermutlich an der Stimmung gerade.

Was ich eigentlich sagen wollte:
Kopf hoch, Brust raus, Hirn frei. Alles wird gut, irgendwann. Aber bleibt auf dem Teppich und dreht nicht am Rad. Wir leben in einer seltsamen Zeit – aber definitiv nicht in einer Diktatur. Sonst könnten manche nicht so schreien, wie sie es gerade tun. Wir machen alle gerade einiges durch, bleibt bitte trotzdem fair! Und denkt auch mal wieder an die, die das hier alles am Laufen halten. Und an eure Liebsten. Danke.

Schöne Weihnachten und ein gutes, besseres neues Jahr!

Euer Lo

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