Es gibt in der Politik Dinge, die sind so charmant absurd, dass man sie fast schon wieder lieben muss. Zum Beispiel Spitzenkandidaten, die mit vollem Einsatz antreten – und gleichzeitig ziemlich genau wissen, dass sie den Sitz, um den sie werben, niemals einnehmen werden.
Im Landkreis Limburg-Weilburg führt der Landrat Michael Köberle (CDU) seine Partei als Spitzenkandidat in die Kreistagswahl. Sein Stellvertreter Jörg Sauer (SPD) macht das Gleiche für seine Seite. Große Namen, viel Erfahrung, ordentlich Strahlkraft. Klingt nach Verantwortung. Nach „Wir gehen voran“.
Nur mit dem kleinen Haken, dass beide gar nicht vorangehen können. Denn wer Landrat ist, kann nicht gleichzeitig Kreistagsabgeordneter sein, ohne sein Amt aufzugeben. Und niemand erwartet ernsthaft, dass im Landratsbüro plötzlich das Licht ausgeht, nur weil ein Stuhl im Kreistag frei wird.
Es ist ein bisschen wie ein Autohändler, der mit einem Ferrari im Schaufenster wirbt und dann bei Vertragsabschluss sagt: „Der war nur fürs Auge, aber der Kleinwagen dahinten fährt auch.“
Formal ist das natürlich alles korrekt. Rechtlich sauber. Völlig erlaubt. Man darf kandidieren, auch wenn man das Mandat später nicht annimmt. Es steht ja nirgends, dass ein Spitzenkandidat am Ende tatsächlich im Kreistag sitzen muss. Wäre ja auch zu einfach.
Der Trick funktioniert auch ziemlich zuverlässig: Ein bekannter Name vorne auf der Liste zieht Stimmen. Vertrauen, Bekanntheit, ein bisschen Autorität – das macht sich gut auf dem Stimmzettel. Und wenn die Wahl vorbei ist, rückt halt jemand nach, der vorher eher in der zweiten Reihe stand. Demokratisches Stühlerücken mit System.
Man könnte das Ganze auch als eine Art politisches Schaufenster bezeichnen. So strahlen uns die großen Namen Köberle und Sauer auch in Selters von den großen Plakaten an, geschniegelt und gestriegelt, und hinten im Lager packen die eigentlichen Mandatsträger schon mal die Aktenkoffer aus.
Besonders interessant in dieser Konstruktion: jeder weiß es, keiner sagt es so laut. Die Kandidaten wissen, dass sie nicht in den Kreistag gehen werden. Die Parteien wissen es. Viele Wähler ahnen es. Und trotzdem läuft das Spiel jedes Mal wieder, als wäre es das Normalste der Welt.
Man kann das clever nennen. Man kann es Strategie nennen. Man kann es auch einfach ehrlich benennen: ein politisches Versprechen mit eingebautem Rückzieher.

