Was in der Selterser Gemeindevertretung wirklich passiert: Fünf überraschende Einblicke aus der 39. Sitzung

Gemeindevertretersitzungen und ihre Protokolle haben den Ruf, trocken, langweilig und für Normalsterbliche kaum verständlich zu sein. Doch hinter den formalen Tagesordnungspunkten und bürokratischen Formulierungen verbergen sich oft Geschichten, die überraschen, zum Schmunzeln anregen oder tiefere Einblicke in die Herausforderungen einer Gemeinde geben. Wir haben uns durch das 22-seitige Protokoll der letzten Sitzung vom 18. November 2025 gearbeitet und die fünf interessantesten Entdeckungen für Sie herausgefiltert. Kommen Sie mit auf einen Blick hinter die Kulissen der Selterser Lokalpolitik.

1. Das Rätsel um das vergessene Häuschen: Wem gehört eigentlich das „Börnchen“?

Eine Anfrage zum baulichen Verfall des alten Brunnenhäuschens, liebevoll „Börnchen“ genannt, brachte eine kuriose Wahrheit ans Licht. Die anfragende Fraktion ging, wie vermutlich viele in Selters, davon aus, dass das historische Gebäude noch der Radeberger Gruppe gehört. Man machte sich Sorgen um den Erhalt und fragte, was der Besitzer gegen den Verfall zu tun gedenke.

Die Antwort der Verwaltung dürfte für allgemeine Überraschung gesorgt haben: Das „Börnchen“ befindet sich bereits seit Dezember 2018 wieder im Eigentum der Gemeinde Selters (Taunus). Die bisherige Annahme basierte, so heißt es im Protokoll, auf „veralteten Unterlagen“. Nachdem das Eigentum nun geklärt ist, wird die Gemeinde selbst den Zustand des Gebäudes prüfen und Sanierungsmaßnahmen einleiten. Es ist doch beruhigend zu wissen, dass selbst eine ganze Gemeinde mal den Überblick darüber verlieren kann, welches Häuschen ihr eigentlich gehört.

2. Wasser-Sorgen: Zwischen „gesundheitsgefährdenden Keimen“ und strategischen Neuausrichtungen

Der Name Selters ist weltweit ein Synonym für bestes Mineralwasser. Umso pikanter ist es, dass die lokale Wasserversorgung gleich mehrfach für Kopfzerbrechen sorgt. Ein ganz konkretes Problem ist die Zapfstelle für den „Haustrunk“ im Mineralbrunnen Niederselters, die seit November 2024 geschlossen ist. Der Grund: eine „stetige Verkeimung des Wassers mit gesundheitsgefährdenden Keimen“. Die Instandsetzung kostet rund 10.000 €, die nicht im Haushalt eingeplant waren.

Doch die Sorgen gehen tiefer. Die allgemeine Unzufriedenheit mit der Organisation der Wasserversorgung führte zu gleich zwei Anträgen, die eine grundlegende Neuaufstellung fordern. Ein Antrag zielt darauf ab, zu prüfen, ob die Gemeinde die Wasserversorgung aufgrund „erheblicher Differenzen“ mit dem aktuellen Dienstleister wieder vollständig selbst betreiben kann. Ein zweiter Vorschlag will die Möglichkeit einer interkommunalen Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden für einen gemeinsamen „Wassermeister“ ausloten. Beide Anträge wurden zur weiteren Beratung an den Finanzausschuss verwiesen. Es scheint, als hätte man in Selters zwar Wasser im Überfluss, aber bei der Verwaltung desselben noch einige dicke Bretter zu bohren.

3. Warum das Freibad nicht einfach früher öffnen kann: Eine Lektion in Bäderministerialbürokratie

Es war eine bürgerfreundliche und naheliegende Frage: Könnte man das Freibad bei schönem Wetter nicht einfach früher öffnen, vielleicht schon zum 1. Mai? Wer auf eine unkomplizierte Antwort hoffte, wurde von der Verwaltung eines Besseren belehrt. Die Antwort ist ein kleines Meisterwerk deutscher Gründlichkeit und zeigt, warum spontane Freibadöffnungen eine Illusion sind.

Die Hindernisse sind zahlreich und wurden detailliert aufgelistet:

• Frostgefahr: Das Edelstahlbecken darf erst entleert werden, wenn kein Frost mehr droht, also in der Regel erst Ende März.

• Zeitplan: Von der Entleerung über die chemische Grundreinigung bis zur Befüllung und zum Aufheizen vergehen mindestens fünf bis sechs Wochen – im Idealfall.

• Sonneneinstrahlung: Wird das leere, von der Sonne aufgeheizte Becken mit kaltem Wasser befüllt, kann sich der Stahlboden irreparabel verformen.

• Wasserproben: Allein die gesetzlich vorgeschriebene Überprüfung des Wassers, insbesondere auf Legionellen, dauert zwei Wochen.

Das Fazit ist ernüchternd: Während eine Verlängerung der Saison im September relativ einfach ist, ist ein früherer Start ein logistischer Albtraum. Der bewährte Eröffnungstermin – der zweite Sonntag im Mai – wird uns wohl erhalten bleiben.

4. Ein unerwarteter Geldsegen mit Haken: Warum ein Millionen-Plus auch Stillstand bedeutet

Auf den ersten Blick gibt es aus der Gemeindekasse Erfreuliches zu berichten. Statt eines geplanten Defizits von über 153.000 € für das Jahr 2025 weist der Haushalt aktuell einen Überschuss von satten 2,3 Millionen Euro auf. Auch wenn noch einige große Ausgaben und Einnahmen verbucht werden müssen, geht die Verwaltung davon aus, dass das Jahr positiv oder zumindest mit einer „schwarzen Null“ abschließen wird.

Ein zweiter Blick auf die Zahlen offenbart jedoch die andere Seite der Medaille. In der Liste der Investitionsprojekte klaffen bei vielen wichtigen Vorhaben große Lücken zwischen Plan und Realität. So waren beispielsweise für die „Grundhafte Sanierung Rathaus NDS“ (Niederselters) 216.600 € eingeplant, aber erst rund 19.000 € ausgegeben. Für die „Grundhafte Sanierung HB“ (Hochbehälter) wurden von 754.000 € erst 27.500 € investiert. Die guten Zahlen bedeuten also auch: Viele geplante und notwendige Projekte kommen nicht voran. Der Geldsegen ist somit auch ein Zeichen von Stillstand.

5. Heiße Kartoffel Kinderbetreuung: Eine Entscheidung wird auf die Zeit nach der Wahl vertagt

Eines der politisch heikelsten Themen stand ebenfalls auf der Tagesordnung: die Kostenentwicklung bei der Kinderbetreuung und die „Einbringung einer Beitragsanpassung“ – im Klartext: eine mögliche Erhöhung der Kitagebühren. Doch zu einer Diskussion kam es nicht.

Der Tagesordnungspunkt wurde kurzerhand abgesetzt. Die Begründung: Das komplexe Thema soll erst in einer der ersten Sitzungen des Haupt- und Finanzausschusses nach der Kommunalwahl 2026 weiterberaten werden. Bis dahin soll die Verwaltung eine neue Kostenübersicht erstellen, mit den Trägern über Einsparpotenziale sprechen und die Bürger in einer Informationsveranstaltung über die Problematik aufklären. Dass eine potenziell unpopuläre Entscheidung über höhere Gebühren damit elegant in die Zeit nach dem Wahltermin verschoben wird, ist ein klassischer Schachzug, der zeigt, dass auch in der Lokalpolitik das richtige Timing alles ist.

Schlussfolgerung: Was uns die Tagesordnung verrät

Die Sitzung vom 18. November 2025 zeigt, dass Lokalpolitik eine faszinierende Mischung aus komplexen technischen Realitäten (das Schwimmbad), überraschenden Fundstücken (das „Börnchen“) und strategischen Manövern (die Kinderbetreuung) ist. Es beweist, dass sich ein genauerer Blick in die offiziellen Protokolle lohnt. Welche Geschichten mögen wohl in der nächsten Tagesordnung versteckt sein?

 


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